Freitag, 4. November 2011

Wohlfühljahreszeit: Kaum zu glauben, der Herbst

In Hamburg ist es derzeit zwar geringfügig kälter (ca. 14°) als im Juli, doch scheint im Gegensatz zum Sommer des öfteren die Sonne und es regnet nicht tagelang vor sich hin. Die Wolken hängen nicht über den Dächern vierstöckiger Häuser, wie dies teilweise im Sommer der Fall war und normalerweise zu einen Hamburger Herbst gehört.

Der Oktober war ein sprichwörtlich "goldener".
Ich kann mich im Rückblick auf all die Jahre meines Hamburger Exils nicht daran erinnern, dass der Herbst in dieser Stadt - über Tage, über Wochen hindurch - so schön sein könnte.
In den letzten Jahren hatte ich innerlich schon Bammel vor den dunklen Nebelschwaden des Hamburger Herbstes. Zu oft passte sich meine innere Stimmung dem Wetter an und ich benötigte deshalb sehr viel Kraft, um das ausgleichen zu können. So muss sich ein Geistwesen fühlen, das gezwungen ist, sich über 3.000.000.000 Jahre zurückzuversetzen, um sich unausweichlich in einer Ursuppe wälzen zu sollen.
Da die letzten drei Sommer den historischen Herbstmonaten angeglichen waren, war es auch nicht möglich, zuvor genügend Energie aufzutanken, um dem dunklen Herbst begegnen zu können. Man konnte auch nicht davon ausgehen, dass die Wetter- Regel dieses Jahr gebrochen wird. Und so hieß es wie so oft: Es komme, was kommen muss.
So geschah es heute, dass ich, als ich mich ausgehbereit machte, schon das Innenfutter meiner Joppe entfernte. In den vergangenen Tagen störte das Innenfutter bereits. Zu warm angezogen fühle ich mich nicht wohl, was an meinen Fikinger Wikinger- Genen liegen dürfte.
Nun gut, ich steige normalerweise auf den Weg zur Arbeit in den Linienbus ein und nutze den größten Vorteil des Öffentlichen Nahverkehrs: Die Zeit während der Fahrt lesen zu können.
Ich möchte nicht verschweigen, dass das Lesen im Normalfall auf Grund asozialen Verhaltens der mitreisenden "Mitmenschen" unmöglich wäre, gäbe es da nicht bestimmte Hilfsmittel zur Vermeidung eines Tobsuchtsanfalls.

Derzeit nutze ich besonders gern eine defensive Vorgehens- Angriffsstrategie. Ich benutze beim Lesen ein Abspielgerät und höre harmonische Klänge, die mich vor den (meisten) Außenklängen bewahren. Was heißen soll, weder wird mein "Lesesaal" zum Großraumbüro voller babylonisch sprechender Handy- Terroristen, die gegen pubertierende Wichtigtuerei und Geltungssucht anschreien müssen, noch muss ich mir die Interpretationen des gestrigen Hartz IV- TV aufzwingen oder mich in den befremdenden Gerüchen dieser Welt ungewollt unterrichten lassen.
Wie angedeutet, verfüge ich über weitere Angriffsstrategien...

Doch bevor ich unnötiger Weise abschweife, komme ich lieber zum eigentlichen Gedanken Text zurück.

Ich steige also in den Bus ein, werfe meine Musikmaschine an und entscheide mich heute für eine Scheibe, die ich zwar ausgesprochen mag, aber seit einer geraumen Zeit nicht mehr angehört hatte: Die "Division Bell" von Pink Floyd.
Normalerweise vermeide ich beim Lesen Musik mit andauernden Texten. Das lenkt ab.
Die Division Bell wirkt anders.
Ausnahmen bestätigen eine Regel.

Ich nehme mein Buch hervor und lese in diesem so interessiert und Informationen aufsaugend wie in den letzten Tagen auch. Doch dann halte ich, durch die Musik inspiriert inne und schaue aus dem Busfenster.
Ich nehme eindringlich das von der Sonne so schön und warm angestrahlte Bunt der verschiedenen Pflanzen wahr.
Wolken, deren unendliche Gebilde die Phantasie anregen. Zwischendurch der blaue Himmel, den ich schon als Kind so sehr gemocht habe, dass das Himmelblau (in der Kindheit) zu meiner unangefochtenen Lieblingsfarbe wurde.
Dann die Gesichter der Menschen, sie erschienen nicht so bedrückt, wie an manch anderem Tag. Ihre Mundwinkel hatten die Tendenz nach oben.
Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Merkel, Ackermann und Uncle Sam aus Europa raus!
Und dann bauen wir das Neue - aus gutem alten Grund...!!!


Jedenfalls legte ich mein Buch aus der Hand, regelte die Musik noch etwas lauter und genoss meine Eindrücke.
Ich verspürte eine Freude, die mich tendenziell ins Schwerelose entgleiten wollte.
Kurz blickte ich auf mein Buch, wollte weiterlesen und bemerkte, dass dies beim besten Willen unmöglich war.
Meine Freude unterdrückte die Lust auf den interessanten Inhalt des Buches. Die Lust auf der Suche nach einer Wahrheit tauschte mit einer anderen.
Mein Inneres lehnte jede Beschäftigung mit dem humanoiden Theater ab. Ich fühlte mich dabei unbeschreiblich wohl und frei.
Und ich bemerkte, dass ich schon die ganze Zeit ein Lachen im Gesicht hatte.

Diejenigen, die mich besser kennen, werden wissen, wie sehr ich diesen Moment genossen habe.
Sie werden sich vielleicht mit mir freuen.
Ich zehre jedenfalls noch immer von diesem Glücksgefühl. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich von diesen Dingen wirklich loslassen konnte. Es ist seitdem eine Menge Wasser den Rhein heruntergeflossen.

Sonst hätte ich das hier nicht geschrieben...

Genießt die Zeit, die wir hier in unserem Zustand im Universum auf der Erde weilen.
Doch vergesst niemals eure Verantwortung!
Wir leben und sind zugleich dem Leben verpflichtet!
Keinerlei Leben ist "unnütz"!
Selbst eine "Abtreibung" sei dem "Muttertier" erlaubt - eben zum Schutz des noch lange nicht geborenen Lebens. Wisst ihr denn nicht, welche Beweggründe Mütter und Mütter (in Vormutterschaft) verfolgen, wenn sie ihrer Natur nachgeben würden?
Zum Schutze des geborenen Mannes? Dieses Produkts einer Mutter, eines Vaters und seiner heiligen Heimat?
Wem schuldet ihr Disziplin ?
Es kommt wahrscheinlich auf die Mischung an. Auf die Natur und in ihren nahtlosen Bestrebungen nach vollkommener Ausgewogenheit...

Abschließend eine weise Warnung vom Altmeister Nietzsche:
Wer mit Ungeheuern* kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.
Jenseits von Gut und Böse, Aph. 146
*  auch Ungeheurem

Kommentare:

  1. Das Gefühl kenne ich sehr gut. Manchmal muss ich einfach raus, kann den ganzen Scheiß, die ganze Dummheit, die ganzen Lügen und Verdrehungen, die beinahe im Minutentakt auf uns abgeschossen werden, nicht mehr ertragen.

    Dann setz ich mich in mein Auto, nehme vielleicht meine Hunde noch mit und fahre in den Wald wo er am tiefsten ist, wo kein Handy Empfang hat, wo kein Verkehrslärm die Ruhe stört. Dort genieße ich einfach nur das rauschen des Windes in den Bäumen oder was noch besser ist, bei Windstille, das Rauschen des Blutes in den Ohren. Es ist still und man scheint von allem weit weg! Das beruhigt, befriedet und macht glücklich.

    Ein schönes WE
    Gruß Uwe

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  2. Schade, dass du die s c h ö n e n und g u t e n Dir so nahen W i r k lichkeiten so selten mitbekommst. Die "Verbesserer der Welt" suchen vielleicht doch mehr das zu Verbessernde und übersehen die kleinen Dinge des Lebens dabei, die die große Kraft zum Leben und zur Veränderung liefern.

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