Donnerstag, 14. Februar 2013

DDR- Geschichte in den Händen der Dyskalkulie

Das Netz treibt zahlreiche merkwürdige Blüten hervor.
Unter anderem eine Seite, die sich "kritische Wissenschaft" nennt.
Das klingt anspruchsvoll oder nach Hochstaplerei.
Ein kurzer Blick genügt, um Klarheit zu schaffen.

Auf besagter Seite wird behauptet, dass die Zahl der Demonstranten, die am 9.10.1989 an der Demo auf dem Leipziger Augustusplatz teilnahmen, nicht der offiziell angegebenen Zahl entsprechen.
Dies wird folgend begründet:
Es waren wahrscheinlich zwischen 124.500 und 166.000 Demonstranten, also ein paar mehr als 70.000. Der Verdacht, dass mit den 70.000 Demonstranten etwas nicht stimmen kann, ist Karl-Dieter Opp gekommen, als eine Befragung von 1.225 Leipzigern deutlich höhere Anteile von Demonstrationsgängern erbracht hat, als sie hätte erbringen dürfen. Rund 26% wollten demonstriert haben. Hochgerechnet auf die Bevölkerung von Leipzig wären das rund 133.000 Demonstranten und somit deutlich mehr als die offiziellen 70.000, und das ohne all diejenigen zu berücksichtigen, die aus dem Umland nach Leipzig gekommen sind, um am 9. Oktober 1989 zu demonstrieren.
Quelle: "Kritische Wissenschaft"
"Kritische Wissenschaft" beruft sich dabei völlig unkritisch auf drei deutsche Geistesleuchten, die da Karl-Dieter Opp, Peter Voß und Christiane Gern geheißen werden und gemeinsam ein Lehrbuch biblischen Ausmaßes über Mathematik und Statistik ("Die volkseigene Revolution") verfassten. Die Betonung liegt dabei auf Bibel und nicht auf Ausmaß!

Opp und seine beiden Rechenakrobaten befragten Jahre nach dem Ereignis (ca. 1992/93) 1.225 Leipziger, 26 % von denen wollen...

Weil soundsoviele an der Leipziger Demo teilgenommen haben wollen, lässt sich eine sichere Wahrscheinlichkeitsrechnung erstellen.
Genauso sicher lässt sich solch eigenwillige Logik auf die letzten in der DDR veranstalteten Wahlen übertragen.
98% der Wahlberechtigten nahmen offiziell an den letzten DDR-Wahlen teil. Demzufolge nahmen 2% nicht an der Wahl teil.
Umfragen, die Jahre nach der Wende unter 20.667 DDR-Bürgern durchgeführt wurden, ergaben, dass 98% der Befragten zu den 2 % der Nichtwähler gehört haben wollen. (Lediglich 2% der Befragten wollen zu den 98% der damaligen Wähler gehört haben.)
Daraus lässt sich nun laut Opp, Voß & Gern schlussfolgern, dass die offiziellen Teilnehmerzahlen zur letzten DDR-Wahl nicht stimmen können: Da nämlich 98% der Befragten nicht an der Wahl teilgenommen haben wollen, ergibt sich - die DDR hatte ca. 16.000.000 Bürger; auch wir berücksichtigen vorbehaltlos alle Bürger, also selbst Kleinstkinder - dass 15.680.000 DDR-Bürger nicht an der letzten DDR-Wahl teilgenommen haben.

Es ist offensichtlich, dass die Rechenakrobaten Opp, Voß & Gern keine Seltenheit in der mehr oder weniger intellektuellen Landschaft der Bundesrepublik darstellen.
Nicht, wenn man sich hierzulande mit Statistiken und Zahlen befasst. Man denke dabei nur an weitere Kollegen des obigen Trios wie Hans-Werner Unsinn, der ja auch regelmäßig, aber dafür hochbezahlt seine Glaskugel zum Schaden der Gemeinschaft befragen darf.

Und das gibt zu denken. Man kann nur hoffen, dass sich die inflationär entwickelnden Opferzahlen des letzten Weltkrieges - die sich auf unsere Gegenwart und Zukunft weitaus nachhaltiger auswirken - nicht aus ähnlichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen ergeben.
Allerdings würde mich dann nichts mehr verwundern, war es doch nach 1945 unmodern geworden, zuvor den deutschen oder deren verbündeten Kampfverbänden angehört zu haben. Der letzte Schrei war es ab sofort, als Opfer zu gelten...
Aber lassen wir das. Es ist nachgewiesen sehr gefährlich, in Deutschland solche Gedanken zu veröffentlichen. Zu viele Erbschleicher und Leichenfledderer haben etwas zu verbergen, aber ganz gewiss keine Wahrheit zu beschützen.
Das Objekt des weltbewegenden Enthüllungs-Skandals: nach 4 Menschen pro m² sieht es allerdings nicht aus, sondern eher nach 1,7 Menschen/m² - die Demonstranten schauen entspannt

Kommentare:

  1. Zuweilen hilft es, wenn man Texte zu Ende liest. Dann hättest Du bemerkt, dass Opp und Voß mit dem Zollstock über den Augustusplatz gelaufen sind und gemessen haben und auf Grundlage dieser Messung dann berechnet haben, ob ihre Zahlen aus der Umfrage (die NUR UNTER LEIPZIGERN erfolgt ist) richtig sein können. Ich bin zwar ein Freund von Kritik, aber Kritik besteht nicht darin einfach drauflos zu kritisieren, sondern darin, eine Begründung für die Fehlerhaftigkeit dessen, was man kritisieren will, anzugeben. Das setzt wiederum Fairness voraus und dazu ist es notwendig, erst einmal zu lesen, was man kritisieren will
    Michael Klein

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    1. Ich habe gestern das Gebiet der DDR mit dem Metermaß abgemessen und kam "auf Grundlage dieser Messung" zum Beweis, dass es möglich gewesen sein kann, dass sich auf dem Territorium der DDR zum Zeitpunkt der letzten Wahlen 15.680.000 Bürger befanden.

      Zuweilen kann man "Texte zu Ende lesen" und doch bleiben Sätze wie der folgende bestehen:

      Der Verdacht, dass mit den 70.000 Demonstranten etwas nicht stimmen kann, ist Karl-Dieter Opp gekommen, als eine Befragung von 1.225 Leipzigern deutlich höhere Anteile von Demonstrationsgängern erbracht hat, als sie hätte erbringen dürfen.

      Nicht auf Grund der Fotos und Filme kam der Verdacht, nein, er folgte auf Grundlage einer Befragung ohne wissenschaftlichem oder juristischem Wert.
      Was bitte schön hat das mit Fairness zu tun, wenn man Milchmädchenrechnungen durchschaut und diese ablehnt?
      Oder hast Du meinen Text nicht gelesen? Hatte ich doch begründet, weshalb ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung des Opp für mehr als gewagt halte. Man verrät seine Unseriösität, wenn man anderen Fehlverhalten vorwirft und dieses selbst praktiziert.

      Was stimmt an meiner Begründung zur Ablehnung der Wahrscheinlichkeitsrechnung des Opp nicht?
      Ist es unfair oder sogar unwissenschaftlich, auf Fehler hinzuweisen?

      Und überhaupt, was den wissenschaftlichen Wert der Oppschen Theorie angeht, so ist es doch völlig unbedeutend, ob auf dem Platz 70.000 oder 166.000 Menschen waren.

      Die Zahl von 70.000 anwesenden Menschen auf dem Platz ist realistischer. Das ergibt bei einer Fläche von 41.500 m² statistisch betrachtet 1,7 Menschen pro m².
      166.000 Menschen auf dem Augustusplatz hätten 4 Demonstranten pro m² bedeutet, was schlichtweg unrealistisch ist. Dies hätte zu zahlreichen schweren Verletzungen und Todesfällen geführt. 4 Menschen pro m² in dieser Masse, dagegen wäre die Hühnerhaltung von Wiesenhof das reinste Auslaufparadies.

      P.S. Wieviele Menschen in den Nebenstraßen waren oder in Zügen saßen, ist für die Anzahl auf dem Augustusplatz völlig uninteressant, da ein ganz anderer Schuh.

      "Die im Irrtum verharren sind Narren" - Nietzsche

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    2. Der Mangel über die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens ist wirklich erschreckend. Im Rahmen des wissenschaftlichen Vorgehens bildet man Hypothesen darüber, was sein könnte. Die Hochrechnung auf Grundlage einer repräsentativen Stichprobe (ich bin kein Freund von Repräsentativität, aber hier ist das völlig unerheblich) hat Zweifel ausgelöst, und dass man an den Ergebnissen seiner eigenen Umfrage zweifeln kann, wirst Du sicher nicht bestreiten wollen. Was also macht man, wenn man zweifelt und eine Ahnung von wissenschaftlichem Vorgehen hat, man packt seinen Zweifel in eine Hypothese und geht hinaus um die Hypothese zu prüfen: Fragestellung hier: Was wäre, wenn die 70.000 falsch sind, wie könnte ich das nachprüfen? Opp und Voß haben dann nichts anderes getan, als empirische Belege zu sammeln und auf deren Grundlage zu prüfen, ob die Zahl 70.000 richtig sein kann. Und wie Du sicher aus dem Text, den Du ja mittlerweile gelesen hast, weist, haben sie nicht nur gemessen, sondern auch Fotos vom Demonstrationstag analysiert. Und man kann den Fotos von 1989 entnehmen, dass eher vier als 1.4 Menschen auf einem Quadratmeter Augustusplatz standen. Da Deine gesamte “Analyse” auf “Luftgebilden” besteht, sehe ich derzeit keine Indizien, dass deine Mutmaßung zutrifft, was anders wäre, wenn Du Deinerseits den Nachweis führen würdest, dass nicht die von Opp und Voß gesehenen drei oder vier auf einem Quadratmeter gestanden haben, sondern Deine 1.7. Ich habe es schon in meinem letzten Kommentar geschrieben. Kritik ist kein Selbstzweck. Damit Kritik etwas bringt, muss sie einen konstruktiven Teil haben, einen positiven Teil, wie das Hans Albert genannt hat. Warum muss sie das, weil man dann gezwungen ist, eine alternative Erklärung vorzuschlagen und nur das bringt den wissenschatflichen Prozess weiter.

      Ansonsten frage ich mich, was Dich so erzürnt. Die Crux von dem Text ist, dass man an der Richtigkeit der Zahl 70.000 zweifeln muss, wenn man ein mit normalen Denkfähigkeiten ausgestatteter Mensch ist, und entsprechend muss man sich fragen, wieso in den Medien stur und steif eine Zahl behauptet wird, an der erhebliche Zweifel angebracht sind. Ich dachte, Du hättest so viel Verständnis für Kritik. Dann mal los, hinterfrage einmal die Art, wie in den Medien Fakten geschaffen werden, oder willst Du etwa behaupten, dass die im Text zitierten Aktivisten, die erzählt haben, wie die 70.000 zu Stande kommen, gelogen haben. Wenn nein, dann wäre es einem kritischen Geist angemessen, sich mit der Frage, wie in Medien Realität geschaffen (oder gefälscht) wird, zu beschäftigen, anstatt hier einen petty fight about numbers auszufechten.

      Für den Fall, dass Du Dich über das Vorgehen bei wissenschaftlichen Erklärungen kundig machen willst und erfahren willst, was Kritik und kritische Wissenschaft wirklich ist, empfehle ich die Lektüre unseres Grundsatzprogramms.

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  2. Deine Argumentation hinkt gewaltig. Du vergleichst Äpfel mit Birnen, in dem Du abstruse Behauptungen für empirische Beweise verkaufen willst.
    Das erinnert an die Zweit- oder Drittsemester, die schon alle Doktortitel der Welt innehaben und das Rad jeden Tag neu erfinden.

    Nur soviel:
    "Und man kann den Fotos von 1989 entnehmen, dass eher vier als 1.4 Menschen auf einem Quadratmeter Augustusplatz standen."

    Genau das lässt sich den Fotos nicht entnehmen (siehe Foto oben)!

    "Die Crux von dem Text ist, dass man an der Richtigkeit der Zahl 70.000 zweifeln muss, wenn man ein mit normalen Denkfähigkeiten ausgestatteter Mensch ist,..."

    Interessant. Es "muss" nicht aus den nachvollziehbaren Gründen X, XY oder Z gezweifelt werden, sondern weil "man ein mit normalen Denkfähigkeiten ausgestatteter Mensch ist".
    Das ist eine doch mehr als gewagte Begründung. Sie ist irrational, unwissenschaftlich und erinnert zudem an die "Logik" religiöser Fanatiker.

    Ich will nicht behaupten, dass die "Aktivisten" gelogen haben. Eine Lüge ist das bewußte Täuschen.
    Was ich behauptet habe, kannst Du oben im ursprünglichen Text nachlesen.

    "...dann wäre es einem kritischen Geist angemessen, sich mit der Frage, wie in Medien Realität geschaffen (oder gefälscht) wird, zu beschäftigen, anstatt hier einen petty fight about numbers auszufechten.

    Was meinst Du 'kritikfähiger Wissenschaftler', weshalb ich den Text verfasst hatte?
    Jedenfalls nicht aus dem Interesse heraus, einen "belanglosen, kleinlichen Streit um Zahlen" zu führen.
    Wobei Du auch hier eine interessanten Vorwurf getätigt hast.
    Es scheint Deine Art zu sein, Deine fehler anderen anzudichten und vorzuwerfen.
    Denn welchen historischen Wert hat es, ob nun 70.000 oder 166.000 Menschen auf dem Platz anwesend waren?
    Es gibt in der Tat weitaus gewichtigere Gelegenheiten, um das falsche Spiel der Propaganda nachzuweisen.
    Da Du noch ein sehr junger Mensch zu sein scheinst, hege ich allerdings die Hoffnung, dass Du Deine Mängel noch beseitigen kannst. :-)


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