Samstag, 25. Juni 2011

Fakten über Facebook

Hier träumt die CIA
Wie sozial kann ein Netzwerk sein, dessen Börsenwert auf 100 Milliarden Dollar geschätzt wird? Facebook wird immer dubioser
Von Reinhard Jellen (junge Welt)
Über gravierende Risiken und unangenehme Nebenwirkungen, die die Internetplattform Facebook nicht nur dem unvorsichtigen Nutzer beschert, informiert Sascha Adamek in seinem Buch »Die facebook-Falle«. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt der Konzern vor allem als ein riesiges soziales Netzwerk, das den zwischenmenschlichen Kontakt quer über den Globus erleichtert. Doch Facebook Inc. ist keineswegs eine neutrale Kontaktbörse und Mitteilungsplattform, sondern ein kommerziell ausgerichtetes Unternehmen, das in diesem Jahr voraussichtlich vier Milliarden Dollar einnehmen wird. Facebook erzielt seine Milliardengewinne, indem es auf die Bequemlichkeit seiner Nutzer baut und diese mit bedienungsfreundlichen Tools zu einer weitreichenden Offenlegung ihrer Privatsphäre animiert. Die Daten der Nutzer werden erfaßt und gegen Bezahlung an Dritte weitergereicht, welche die Ergebnisse dann zu präzisen Werbezwecken gebrauchen können. Daß dabei nicht nur die Privatsphäre der User, sondern nach deutscher Rechtsprechung auch Datenschutz und Urheberrecht auf der Strecke bleiben, scheint das Unternehmen, das bei genauerer Recherche immer dubioser wird, nicht zu stören. Sascha Adamek fördert in seinem Buch Brisantes über den Internetgiganten zutage.
Like-Button-Cookies
Das in 70 Sprachen agierende Netzwerk macht sich die Sehnsüchte der Individuen nach einer imaginären Gemeinschaft zunutze und bringt sie dazu, in der virtuellen Welt ihr Dasein als Klatschreporter-ihrer-selbst und Trendscouts zu fristen. Vor allem letzteres ist für Werbeunternehmen interessant, weil sich bereits vor der Plazierung eines Produkts auf dem Markt Stimmungen und Meinungen der Konsumenten erforschen und etwaige Fehlentwicklungen frühzeitig beheben lassen. Heutzutage ist man aufgrund spezieller Sprachprogramme in der Lage, bereits durch den Tonfall der Bemerkungen Rückschlüsse auf die Bewertung des Produkts durch die User zu ziehen.
An vertrauliche Informationen gelangt Facebook etwa, indem es arglose User mit einer »Freunde-Such-Funktion« zur Freigabe des Paßworts ihres Email-Accounts verleitet, was, wie Adamek herausgefunden hat, dem Unternehmen den Zugang zu sämtlichen Informationen aus dem Adreßbuch der Nutzer eröffnet, einschließlich Namen, Adressen, Geburtsdaten und persönlichen Notizen. Dieser bemerkenswerte Vorgang ermöglicht es dem Konzern, Daten von Menschen zu erschnüffeln, die gar nicht dem Netzwerk beigetreten sind.
Auch über den »Gefällt mir«-Button, der mittlerweile schon auf 350000 Websites zu finden ist – in Deutschland z.B. auf Bild.de –, gelangen die Betreiber der Plattform an Informationen über Nichtmitglieder: Falls man einen entsprechenden Artikel anklickt, setzt Facebook, auch, wenn man die »Gefällt-mir«-Funktion gar nicht aktiviert hat, dauerhaft zwei Cookies auf den PC, die es gestatten, über zwei Jahre lang ein Profil des Nutzers zu erstellen. Abgesehen davon, werden durch den »Gefällt-mir«-Knopf Konsumentenströmungen und Bedürfnisentwicklung gescannt und für eine zielgruppengenaue Werbung an Dritte weitergegeben. Daß mit diesen Praktiken deutsche Datenschutzbestimmungen unterlaufen werden, bleibt für die in Kalifornien ansässige Firma bislang allein schon deshalb ohne juristische Konsequenzen, weil sie den deutschen Behörden den Einblick in ihre Datenverarbeitungsmethoden weitgehend versagt, und zwar mit dem Hinweis auf die Tätigkeit der Datenschutzfirma TRUSTe. In dieses Unternehmen hat 2008 der Facebook-Investor Accel-Partners zehn Millionen US-Dollar investiert.
Das deutsche Urheberrecht wird nach Adamek durch die Nutzungsbedingungen von Facebook verletzt, indem das Netzwerk Bestimmungen für sich reklamiert, die in der deutschen Rechtsprechung gar nicht existieren.
Der Journalist hat versucht, die deutsche Niederlassung des Unternehmens ausfindig zu machen, doch war unter der im Handelsregister eingetragenen Adresse in Hamburg nicht einmal ein Briefkasten der Firma zu finden. Wenn man also von Deutschland aus in Kontakt mit dem Unternehmen treten möchte, kann sich das als komplizierte Angelegenheit entpuppen: Als die Datenschutzbehörde von Schleswig-Holstein dem Unternehmen Bußgelder in Aussicht stellte und eine Frist von vier Wochen setzte, mußte sie drei Monate auf eine belanglose schriftliche Entgegnung warten. 
Aliens anstupsen
Der Gedanke, daß der Kommunikationsriese neben kommerziellen auch politische Ziele verfolgen könnte, drängt sich auf, wenn man die Ausführungen Adameks zu den Schlüsselfiguren des Unternehmens liest. Zwar sind vom Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg keine politischen Aussagen überliefert, aber bereits vom ersten Investor, dem berüchtigten deutschen Hedgefonds-Manager und Pay-Pal-Gründer Peter Thiel, ist bekannt, daß er die neokonservative Bewegung in den USA unterstützt, Gegner des Multikulturalismus ist, die Rolle des Staates weiter zurückdrängen will, Probleme wie soziale Verwerfungen und die Klimaerwärmung nicht anerkennt und die Konflikte der Welt durch die Entwicklung einer künstlichen Intelligenz zu lösen trachtet. Daneben sitzen in den Reihen der Facebook-Investoren Leute wie Howard Cox, der wiederum im Aufsichtsrat von In-Q-Tel tätig ist, einem Unternehmen, das laut Adamek von der CIA gegründet wurde und seinerseits Visible Technologies unterstützt, das im Auftrag diverser Produkthersteller und des CIA die Inhalte auf Hunderten Webseiten untersucht.
Unlängst zeigte sich CIA-Vizepräsident Christopher Sartinsky höchst erstaunt über die Tatsache, daß Unmengen von Menschen dem Unternehmen bereitwillig Telefonnummern, Fotos, Adressen und Informationen über ihre Religion, ihre politischen Ansichten, ihre Freunde und Bekannte überlassen. Die Website sei ein »wahr gewordener Traum für die CIA«, befand Sartinsky. Sollten also tatsächlich Verbindungen des Unternehmens zum amerikanischen Geheimdienst bestehen, würde Facebook diesem Unsummen an Geld und Zeit ersparen. Das propagierte Bild einer Internet-Demokratie, die in der Lage ist, z.B. in Nordafrika Diktaturen zu stürzen, wird also von Adamek um die reale Möglichkeit des flächendeckenden Pentagon-Zugriffs auf persönliche Daten ergänzt.
Schließlich lauern auf jedes Facebook-Mitglied Gefahren wie das Cyber-Mobbing, da die Kontakte zu den »Freunden« leicht entschlüsselt werden können und sich das Netzwerk gut zur effizienten, publikumsgenauen Verbreitung von Verleumdungen und Gerüchten eignet.
Auch Personalchefs gelangen durch Facebook an Informationen über Bewerber, die sie sonst nur mit Glück oder großem Aufwand recherchieren könnten: Nach einer Dimap-Studie im Auftrag des Verbraucherschutzministeriums im Jahr 2009 tummeln sich rund ein Drittel der deutschen Unternehmen zwecks Durchleuchtung potentieller Mitarbeiter in sozialen Netzwerken, wobei sie die Saufgewohnheiten der Selbstdarsteller weniger stören als kritische Kommentare zu Arbeitsbedingungen.
Wer nun seine Einträge auf Facebook löschen möchte, wird eine unliebsame Erfahrung machen. Denn mit der Deaktivierung des Facebook-Kontos ist keineswegs das Facebook-Profil verschwunden, sondern man bleibt dem Netzwerk als passives Mitglied erhalten. Um in die netzwerklose Freiheit zu gelangen, muß umständlich die entsprechende Funktion auf der Hilfe-Seite gefunden werden. Und selbst dann sind die Facebook-Spuren im Netz nicht automatisch verschwunden, sondern können über Suchmaschinen wie Google, das seit 2008 Facebook-Auftritte speichert, aufgefunden werden. Wer diese Spuren tilgen möchte, muß schon direkt mit Google Kontakt aufnehmen. Adameks Buch zeigt, daß beim Umgang mit Facebook höchste Vorsicht geboten ist, und daß man – sofern man auf eine Mitgliedschaft nicht lieber gleich verzichten will– zumindest nicht so blöd sein sollte, sein Paßwort zu offenbaren.
Sascha Adamek: Die facebook-Falle - Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft. Heyne, München 2011, 351 Seiten, 16,99 Euro
siehe auch: Nach dem Atomaussstieg: Jetzt raus aus Facebook! 

1 Kommentar:

  1. ich habe noch nie etwas von facebook und Co. gehalten.

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