Freitag, 23. November 2012

»Unerträglich, wie Graumann als Filialist Israels agiert«

Foto: haGalil
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland geht sehr flexibel mit Fakten um. Ein Gespräch mit Evelyn Hecht-Galinski
Interview: Peter Wolter
Die Publizistin Evelyn Hecht-Galinski ist die Tochter des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Heinz Galinski.
Der Präsident des Zentralrats der deutschen Juden, Dieter Graumann, hat am Dienstag die Raketenangriffe Israels auf den Gazastreifen verteidigt und bedauert, daß viele Deutsche diese Haltung offenbar nicht teilen. Ist seine Meinung repräsentativ für das deutsche Judentum?
Ich kann nur für mich selbst sprechen: Es ist für mich unerträglich, wie dieser Mann als Filialist Israels agiert und wieder einmal »das deutsche Judentum« vertritt. In seinem in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Interview verteidigt er das Vorgehen der israelischen Streitkräfte und wirft der palästinensischen Hamas vor, sie mißbrauche Frauen, Kinder und Zivilisten als »menschliche Schutzschilde« und versuche, die Zahl der Opfer zu maximieren.
Beides sind Lügen, die internationale Hilfsorganisationen längst zurückgewiesen haben. Ich habe die Fotos gesehen von dem Haus, in dem eine ganze Familie durch eine israelische Rakete ausgelöscht wurde – »aus Versehen« angeblich. Da wurde ein Massaker angerichtet – und welchen Aufschrei hätte es in den Medien gegeben, wenn es einer israelischen Familie zugestoßen wäre. Selbstverständlich haben die Palästinenser das Recht, sich gegen die seit Jahrzehnten anhaltende Aggression Israels zu wehren.
Aber sagt nicht Israel, die Hamas habe angefangen?
Auch das stimmt nicht. Die israelische Armee hat am 14. November den Hamas-Führer Ahmed Dschabari getötet und damit den Waffenstillstand gebrochen.
Graumann stellt im Interview ferner fest, in Israel kämen im Gegensatz zum Gazastreifen Politiker durch Wahl und nicht durch Gewalt an die Macht.
Das ist auch gelogen, die Hamas wurde bekanntlich demokratisch gewählt, was wohl niemand außer Graumann bestreitet. Demgegenüber sind die Wahlen in Israel nur formal demokratisch – die israelische Gesellschaft ist es schon lange nicht mehr. Daß jetzt der Krieg gegen den Gazastreifen geführt wird, zielt auf die Wahl Anfang nächsten Jahres – es ist also ein bewußt geplantes Wahlkampfmassaker. Das alles stinkt zum Himmel!
Graumann hat aber noch viel Schlimmeres gesagt, nämlich daß die deutschen Verbrechen in mancher »verschrobenen Wahrnehmung« nicht so schwer wögen, wenn man Juden ebenfalls Verbrechen vorwerfen könne. Da haben wir es wieder: Er instrumentalisiert das Schuldbewußtsein vieler Deutscher, um Massaker wie jetzt in Gaza schönzureden.
Israel dürfte einer der wenigen Staaten dieser Welt sein, die ein Propagandaministerium haben. Sie nannten Graumann einen »Filialisten« – arbeitet er dieser Institution zu?
Ich glaube nicht, daß Graumann auf der Gehaltsliste steht, er ist wohl Überzeugungstäter. Die israelische Propaganda arbeitet äußerst effektiv, da hätte so mancher aus der Geschichte bekannte Vertreter dieses Gewerbes neidisch werden können. Man braucht sich nur ihre Wirkung alleine auf die deutschen Medien anzuschauen: Es sind bisher drei Israelis und weit über 100 Palästinenser umgekommen, die Hälfte davon Frauen und Kinder – die Medien sind aber voll davon, wie bedroht die Israelis sind.
Die Jüdische Gemeinde Berlin will den nach Ihrem Vater benannten Heinz-Galinski-Preis am 28. November, der sein 100.Geburtstag gewesen wäre, an Bundeskanzlerin Angela Merkel verleihen. Wäre Ihr Vater damit einverstanden gewesen?
Begeistert wohl kaum. Er war auch sehr skeptisch, was die sogenannte Wiedervereinigung angeht – er fürchtete, daß uns eine nationalistische Welle überrollen könnte. Merkel selbst macht auf mich den Eindruck, als wolle sie ihre Herkunft aus der sozialistischen DDR mit übersteigertem Philosemitismus kompensieren, sie läßt sich ständig mit jüdischen Auszeichnungen überhäufen.
Ich selbst wurde aus der Heinz-Galinski-Stiftung, die diesen Preis verleiht, herausgeworfen, als ich den israelischen Journalisten Uri Avneri für diese Auszeichnung vorschlug. Von dieser Stiftung distanziere ich mich ebenso wie von der Jüdischen Gemeinde Berlin, die das Lebenswerk meines Vaters auf unverschämte Weise in den Schmutz zieht. Er würde im Grabe rotieren! Skandalös ist es auch, daß jetzt eine Biographie meines Vaters herauskommt: Ich habe per Zufall davon erfahren, befragt oder informiert hat mich niemand.

1 Kommentar:

  1. Frau Hecht - Galinski, war mir immer schon sehr sympatisch, denn ich "verfolge" die Dame schon länger.

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